Beurteilung des Austauschs aus Sicht nicaraguanischer JugendlicherAsymmetrischer Schüleraustausch

Im Januar berichteten wir über die Austauschprojekte der Städtepartnerschaft Köln – Corinto/Nicaragua. Die Jugendlichen aus Deutschland bewerten den Austausch meist positiv – aber wie sehen es nicaraguanischen Schüler? Lena Viktoria Gamper resümiert die Erfahrungsberichte der Jugendlichen aus Corinto.

Zirkus Radelito – die Schülerinnen und Schüler üben im Rahmen des Austauschprogrammes Zirkusnummern ein.

Zirkus Radelito – die Schülerinnen und Schüler üben im Rahmen des Austauschprogrammes Zirkusnummern ein. Foto: Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Köln - Corinto/El Realejo e.V.

|

Der folgende Text resümiert die mündlichen Erfahrungsberichte von Jugendlichen aus Corinto in Nicaragua, die an einem Austausch mit einer Schule aus Köln teilgenommen haben. Wie beurteilen die Jugendlichen ihre Erfahrung? Welchen Einfluss hat der globale Nord-Süd-Kontext der Begegnung auf ihr weiteres Leben? Das Forschungsergebnis zeigt: Es gibt vier verschiedene Wirkungstypen. Und einer davon steht in direktem Bezug zur im Austausch erlebten Asymmetrie zwischen dem Wir und den Anderen.

Allgemein wird erwartet, dass auf die Frage, wie sich ein interkultureller Schüleraustausch auf die Teilnehmenden auswirkt, die Antwort „positiv“ lautet. Anderenfalls ließe es sich nicht erklären, dass fast jede Schule in Deutschland Austauschprogramme ins europäische und zunehmend außereuropäische Ausland anbietet.

Auch ich selbst habe in meinem Leben vom interkulturellen Austausch stark profitiert. Selbst meinen Job habe ich den Auslandsaufenthalten zu verdanken. Macht sich gut im Lebenslauf, solch ein nicht-touristischer Ausdruck eigener Mobilität.

Während sich deutsche Heranwachsende ihr Humankapital mit Austauscherfahrungen aufmotzen, stellt sich in meiner Fallstudie die Frage, was der Austausch für die Jugendlichen auf der anderen Seite bedeutet?

 

Arm und reich treffen aufeinander

Das Besondere des untersuchten Austauschs: Jugendliche aus der Hafenstadt Corinto an der Pazifikküste Nicaraguas, aus einem infrastrukturell und ökonomisch schwachen Ort im zweitärmsten Land des Kontinents, und Jugendliche aus Köln, aus einer Metropole in einem der sozioökonomisch stärksten Ländern der Welt, treffen aufeinander. Meine Forschung nimmt dabei die Südseite in den Blick und das ist nicht nur das wissenschaftliche Alleinstellungsmerkmal der Arbeit, sondern vielmehr der entscheidende Perspektivwechsel. Durch ihn wird schnell klar, was die Austauscherfahrung für die Befragten charakterisiert: die Asymmetrie zwischen dem Wir und den Anderen.

 

Kategorisierung der Erfahrungen

Ich reise für zwei Monate nach Corinto und spreche mit den inzwischen jungen Erwachsenen. Sie alle sind einmal oder mehrere Male in den letzten zehn Jahren, in denen das Austauschprogramm besteht, für drei Wochen nach Köln gereist.  Neunundzwanzig Interviews und über zwanzig Stunden Transkription später ist ein Codesystem entstanden, das alle relevanten Aussagen in den Interviews zu theoretischen Überkategorien abstrahiert. Wenn man diese Kategorien thematisch einfärbt, so entstehen Farbdiagramme der einzelnen Gespräche, die es erlauben, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Erzählungen leichter festzustellen. Ausgehend von diesem Codesystem konnten vier Wirkungstypen identifiziert werden: Typ Souvenir, Typ Mosaik, Typ Zäsur und Typ Apathie. (Die vier Typen Souvenir, Mosaik, Apathie und Zäsur sind größtenteils aus einer Typenbildung von Thomas, Abt und Chang aus ihrer Studie „Internationale Jugendbegegnungen als Lern- und Entwicklungschance“ (2016, 77 ff.) entlehnt.)

 

Der Typ Souvenir

Der Typ Souvenir spricht ausschließlich von den positiven Auswirkungen des Austauschs. Er nimmt die Erinnerung an die Zeit in Köln wie ein Souvenir aus einem schönen Urlaub mit in seinen Alltag. Er erzählt seinem Umfeld stolz von seiner Erfahrung und den neuen Freunden, schaut sich immer wieder Fotos und Videos davon an. Befragte haben „similitudes”, „empatía” und „hermandad profunda” im Austausch und vor allem in den Gastfamilien erfahren. Die Liste an Dingen, von denen sie angeben, die im Austausch gelernt zu haben, ist lang: „Tener más madurez“, „conocer lugares“ und „experimentar algo nuevo“, betonen sie immer wieder im Hinblick auf die Austauschwirkung. Und nicht zuletzt „más puntual“, „más humano“, „más sociable“ und „¡más independiente!“ geworden zu sein.

„Si tenías modos que no eran correctos, que todos estos modos pasen a ser correctos.“

 

Der Typ Mosaik

Die bereichernden Seiten des Austauschs in der Erzählung zu fokussieren sieht auch dem Typ Mosaik gleich. Die Besonderheit bei ihm ist, dass sich die Austauscherfahrung wie ein einzelner Stein in ein Mosaik einfügt, dessen Gesamtbild der Erzähler als positive Veränderung für sein Leben deutet. Eine Teilnehmerin, die schon vor dem Austausch geplant hatte zu studieren, wurde sich durch den Austausch ihrer Fachwahl (Sprachen) und dem Wunsch nach einem Auslandsstudium bewusst.

Im Gegensatz zu diesen beiden Bereicherungstypen (s. Abb. 1), fokussieren sich die Typen Zäsur und Apathie in ihrer Erzählung auf die Reflektion der Asymmetrie zwischen dem Wir und den Anderen (s. Abb 2).

 

Der Typ Zäsur

Für den Typ Zäsur bedeutet diese Einsicht einen realen Einschnitt in das bisherige Leben, denn er verändert Denk- und Handlungsmuster. Er ist selbstbewusst und möchte sich und sein Leben verändern, um die von ihm negativ bewertete Situation zu verbessern. Fast zu einem Viertel führen die Handlungsentscheidungen, die der Austausch bewirkt, zu einer konkreten Veränderung, die sich in der Biografie materialisiert. 45 % der Veränderungen bleiben allerdings unsichtbar. Immer dann, wenn sich etwas Kognitives verändert: „de repente uno piensa que salir adelante no puedes en tu país“.

 

Der Typ Apathie

Aber auch Nicht-Handeln kann eine Handlungsstrategie sein. In einem Drittel der Aussagen, die die Auswirkungen des Austauschs beschreiben, wird ein Ausbleiben von Veränderung deutlich. Der Typ Apathie grenzt sich genau in diesem Punkt vom Typ Zäsur ab: Er reflektiert seine Situation zwar, aber erstarrt gewissermaßen durch den defizitorientierten Vergleich. Er spürt eine Hilf- und Ausweglosigkeit aufgrund des Gefühls, seine negativ bewertete Lebenssituation nicht verändern zu können.

Die interkulturelle Begegnung gibt den Impuls, sich selbst in das Verhältnis zu einer neuen Bezugsgröße setzen zu müssen. „Me hizo pensar en la gran diferencia de ellá y acá (...)“. Das eigene Umfeld und das eigene Leben werden im Vergleich „entre lo que para ustedes es no tener y lo que para nosotros es no tener“ fast ausschließlich schlechter bewertet. Ein Fünftel aller negativen Selbstbewertungen gehen unmittelbar aus einem Vergleich zur Austauschgruppe hervor. Vergleiche materieller Natur haben hier den größten Anteil. „Porque si te miras: nosotros vivimos en una casa así... (blickt um sich) tal vez. Allá es muy diferente,
 que tal vez tienen un piso.“

Im Ergebnis sorgt insbesondere der Typ Apathie für Aufsehen, da er in der bestehenden Literatur nicht zu finden ist. Befragte drücken zum einen ihre Unzufriedenheit aus: „Schau, manchmal bin ich enttäuscht von meinem Leben. *Pause* Ich habe schon 5 Jahre verloren, in denen ich studieren hätte können, weil ich keine Arbeit habe und auch meine Familie nicht die Kapazität hat, mir zu helfen.“ Zum anderen schließen sie mit einer Erzählkoda, die jeglichen Aktivismus ausschließt: „Me gustara 
viajar. Quedarme. Ser otro tipo de persona. Cambiar. Pero *3* la situación“. Nachsätze wie dieser nehmen vielerlei Gestalt an: „Quisiera, pero no puedo“, „Así es la vida“, „Sí, la vida: hay que seguir siempre“, „Sí, pero uno tiene que ser fuerte“, „Y siempre
seguir luchando. Sí.“

„Ich hab mir das verdient“, sagt eine Befragte über ihre erste Reise außerhalb von Nicaragua und trifft damit die Rollenverteilung innerhalb des Geber-Nehmer-Verhältnisses auf den Punkt. Um am Austausch teilzunehmen, hängen die nicaraguanischen Jugendlichen von Geld aus Deutschland ab. Die Plätze sind begehrt und die Auswahl kann zu negativer Stimmung innerhalb der abhängigen Gruppe führen. Der Aufhänger des Austauschs ist eine gemeinsame Zirkusshow mit deutschen und nicaraguanischen Artisten. „Envidia” gegenüber denjenigen, die nach Deutschland reisen dürfen, ist dicht gefolgt von Beschuldigungen „doble cara“ zu sein, denn „sólo por viajar“ und „sólo porque miran alemanes se meten en el circo“. Diese Reaktion spiegelt ein typisches Fremdbild wider: „Te miran blanca y con el pelo amarillo y ojos de colores, entonces la gente creen que porque son extranjeros tienen dinero y vienen con dinero”.

 

Unvergesslich – und einmalig

Zum Großteil hängt es allerdings damit zusammen, dass diese Jugendlichen solch eine Reise ohne das Vollstipendium „vielleicht nie (…) [im] Leben gemacht hätte“ und nach der Teilnahme die Erkenntnis besteht: „no se va a repetir“. Die Austauscherfahrung wird zum Politikum, wenn sie nationalstaatliche Grenzen öffnet, die den Teilnehmern sonst verschlossen blieben. Genau dies macht den Austausch für die Mehrheit „inolvidable” und „muy importante” für das eigene Leben, für einige sogar „lo mejor que me pasé en mi vida”. In gut einem Sechstel der Textstellen, die den Austausch biografisch einordnen, wird diese enorme Attraktion betont. Sie entblößt schon qua Entstehung vielfältige Asymmetrieverhältnisse im globalen Nord-Süd-Kontext: Asymmetrie im Zugang zu Bildung und materiellen Ressourcen, Asymmetrie in sozialer und geografischer Mobilität. Es wundert also nicht, dass eine Teilnehmerin kurz vor dem Rückflug nach Nicaragua aus ihrer Gastfamilie wegläuft. Nach einigen Wochen vermisst, wird sie in einem Kölner Frauenhaus gefunden und reist zurück nach Deutschland. „Tenía muchas necesidades. Quisiera ayudar a mi familia, pero no se podía.“

 

Fazit

Ich blicke zurück: Die für den Apathietyp typischen Merkmale sind im globalen Nord-Süd-Kontext als Ausdruck einer, von den Befragten ausgemachten, Asymmetrie des Austauschs sowohl auf individueller als auch struktureller Ebene zu deuten. Die Asymmetrie wird in den Interviews durch die Aussagen der Befragten selbst produziert. Eine defizitorientierte Selbstsicht, eine externe Macht- und Entscheidungsverortung und die eigene Passivität aufgrund der Überzeugung, das eigene Leben sei durch externe Faktoren bestimmt, konstruieren diese Asymmetrie.

Während der Forschung wurde mir von meinem Umfeld oft die Frage gestellt, ob nicht ohnehin alle Begegnungen asymmetrisch seien, da niemand genau dem anderen gleiche? Und so logisch das im ersten Moment klingen mag, möchte ich dennoch einen wichtigen Unterschied zwischen kultureller Differenz und kultureller Asymmetrie klarstellen: Machtverteilung. Ungleiche Ressourcenverteilung und typischerweise ein Geber-Nehmer-Verhältnis zwischen Globalem Norden und Globalem Süden machen aus einer Situation kultureller Differenz eine Situation asymmetrischer Begegnung im postkolonialen Kontext. 

Die Forschungsergebnisse werfen eine Reihe an Fragen für Austauschbegegnungen im Nord-Süd-Kontext auf, z.B.: Wie muss die Vor- und Nachbereitung zum Austausch auf Seiten des Globalen Südens und des Globalen Nordens auf die jeweils unterschiedlichen Bedürfnisse angepasst werden? Denn mit dem Zusammentreffen von Jugendlichen aus Globalem Süden und Norden, treffen unweigerlich auch die uns umgebenden sozialen Systeme aufeinander. Denen können auch grandiose Austauschbegegnungen, wie die untersuchte, nicht entkommen – allen Bemühungen um das Begegnen auf Augenhöhe zum Trotz. Schulen sollten sich die Frage stellen, welche Auswirkungen ihr Austausch auf der Südseite hat, wenn sie vorbeugen wollen, dass Jugendliche zurückbleiben, die sich die erlebte Asymmetrie folgendermaßen erklären: „Ich weiß nicht, vielleicht sind es auch bessere Menschen als hier. Für mich ist dort alles besser als hier“.

 

Anmerkungen

Abb. 1: Farbdiagramm des Typs Souvenir: Fokus auf Bereicherung und Befähigung (Blau).

Abb. 2: Farbdiagramm des Typs Apathie: Selbstreflektion in Form eines defizitorientierten Selbstbilds (Braun).

 

 

Zum Thema Schüleraustausch gerade erschienen: FUS 68: Intercambios

Fachnewsletter Unterricht Spanisch

Exklusive Goodies  Unterrichtskonzepte
Neues vom Fach  Jederzeit kostenlos kündbar