9. – 12. Schuljahr

Ursula Vences

Eine neue Herausforderung für Spanischlernende

Schriftliches Sprachmitteln von diskontinuierlichen und sprachgemischten Werbetexten

Viele Unternehmen arbeiten in ihren Werbekampagnen mit Wortspielen und Sprachmischungen. Die Lernenden sollen diese Werbetexte ins Spanische übertragen und die Sprachspiele dabei erklären.

Die in diesem Beitrag für die schriftliche Sprachmittlung vom Deutschen ins Spanische ausgewählten Werbeanzeigen sind diskontinuierliche Texte, die visuelle und textuelle Elemente miteinander verbinden. Die Beispiele beinhalten zudem einen weiteren für Sprachenlerner interessanten Aspekt, nämlich die Durchdringung des Deutschen mit Wörtern oder Morphemen aus anderen Sprachen, die Sprachmischung, die u.a. eine Folge der Internationalisierung bzw. Globalisierung unserer Welt ist.
Sprachmischung als soziolinguistisches Phänomen
Der Aspekt an sich ist nicht neu. Bereits die Gastarbeiter, die in den 1970er-Jahren zu uns kamen, verwendeten viele deutsche Wörter mit einer spanischen Endung oder machten aus deutschen Wörtern ein spanisches Wort. Es entstand das sogenannte Espalemán mit Wörtern wie las froilan – Fräulein, chuliqué – Entschuldigung, fifil – wieviel?, gran casa – Krankenkasse etc.1 Dies wurde jedoch als Verballhornung der deutschen Sprache gesehen und als nicht akzeptabel bzw. als Defizit empfunden.
Dieser besondere Aspekt von Sprachmischung, der zugleich eine besondere Form von Mehrsprachigkeit ist, wird jedoch heutzutage in vielen Situationen positiv genutzt und ist insbesondere im Bereich der neuen Medien augenfällig, wo vor allem der Einfluss des Englischen stark ist. Die Internationalisierung hat zur Übernahme bzw. Adaptierung zahlreicher englischer Wörter im Deutschen und in anderen europäischen Sprachen beigetragen.
Während im Deutschen häufig die englischen Begriffe übernommen und wie selbstverständlich verwendet werden (beispielsweise Service, Show, Design, Look, Wellness, Lifestyle) oder die Verben lediglich mit einer deutschen Endung versehen werden (wie z.B. surfen, chatten, twittern), hat das Spanische in größerem Umfang neben die aus dem Englischen eins zu eins übernommene oder adaptierte Form wie el chat, el chateo – chatear ein entsprechendes spanisches Wort gesetzt und verwendet beide Formen parallel: at – la arroba, link – el enlace, net – la red, download – bajar, domain – el dominio etc.
Aber auch das Spanische nutzt die Vermischung von zwei Sprachen zur Schaffung eines neuen Wortes. Ein beredtes Zeugnis davon legen die zahlreichen Verbindungen mit dem Wort cyber sowohl im Deutschen wie Spanischen ab:
Deutsch: Cybermobbing, Cybersex, Cyberspace etc. und Spanisch: ciberataque, cibercrimen, cibercultura, ciberdelincuencia, ciberefectivo (cybercash), ciberescéptico, ciberfobia, ciberfuturo, ciberización, cibernauta, ciberporno, ciberspanglish etc.2
Ein weiteres Beispiel ist der Name der relativ jungen spanischen Charter-Fluggesellschaft: Vueling, bestehend aus der spanischen Wortpartikel „vuel wie el vuelo und der im Englischen üblichen Endung … ing wie z.B. in „travelling. Unternehmen haben – in einer sehr speziellen Form der Mehrsprachigkeit – die Verwendung mehrerer Sprachen in einem Text sowie die Sprachmischung innerhalb eines Wortes als werbewirksam entdeckt und auf eine ganz ungewohnte Weise verwendet, nämlich sprachspielerisch und witzig; der Sinn ist oft erst durch Reflexion aufzudecken.
Mehrsprachigkeit und Sprachmischung in Mediationsaufgaben
Im folgenden Unterrichtsvorschlag sollen deshalb diskontinuierliche deutsche Werbetexte im Mittelpunkt von Mediationsaufgaben stehen, deren Wirkung auf Wortspielen und Sprachmischung beruht. Die Einbeziehung anderer Fremdsprachen ist trotz der Empfehlungen der (romanischen) Mehrsprachigkeitsdidaktik immer noch keine Selbstverständlichkeit im Spanischunterricht. Und noch weniger ist das Phänomen der Sprachmischung ein Thema. Diesen Aspekten wird mit den folgenden Unterrichtsvorschlägen Rechnung getragen.
Es ist ratsam, die vorgeschlagene Erarbeitung der Werbetexte in eine Unterrichtsreihe einzubetten, z.B. zu den Themen Publicidad oder Comida.
Sensibilisierung für das Phänomen (Unterrichtsbeispiel 1)
Als Einstieg werden die Lernenden aufgefordert, bei einem Gang durch die Stadt oder bei der Zeitungslektüre Beispiele dafür zu finden, dass Wörter aus anderen Sprachen sowie sprachgemischte Wörter neben Wortspielen wie selbstverständlich in deutschen Werbeanzeigen verwendet werden. 🔎 Mit diesem ersten Schritt (hoja de trabajo 1) 🔎 sollen die Lerner für die Sprachmittlung von Werbeanzeigen sensibilisiert werden, die nicht nur mit Text-Bild-Kombinationen, sondern auch mit Sprachmischung oder anderen sprachlichen Besonderheiten arbeiten. Dies geschieht ausgehend von Werbetexten, die sie selbst in der Stadt, in Printmedien oder im Internet gefunden haben, und mündet in eine erste Sprachmittlungssituation, bei der sie einem/r befreundeten Spanier/in in einer Email die Funktionsweise und Botschaft der ausgewählten Anzeige auf Spanisch erläutern müssen.
Alternativ finden sich für die erste Sensibilisierung einige eher leicht zu erschließende Beispiele für entsprechende Werbeplakate (hoja de trabajo 1.2), 🔎 die bereits auf der Niveaustufe A2 eingesetzt werden können und die Vielfalt der Möglichkeiten abbilden.
Dieser Einstieg in die Thematik schließt mit einer weiterführenden Aufgabenstellung, die auf die Förderung der interkulturellen Kompetenz zielt. Im besonderen Fall der Werbeanzeigen kann beispielsweise über den spezifischen Adressatenkreis der Sprachmischung diskutiert oder auch nach ähnlichen Beispielen in spanischen Werbetexten gesucht werden. Vor allem aber sollte in weiterführenden Aufgaben darüber nachgedacht werden, welche Informationen über die Veränderung der deutschen Gesellschaft implizit in den Texten enthalten sind.
Vertiefende Auseinandersetzung mit sprachgemischten Werbetexten (Unterrichtsbeispiel 2)
In unseren Städten fanden sich in jüngster Zeit großflächige Werbeplakate eines Speise-Services, der die verschiedensten internationalen Gerichte in die deutschen Wohnungen zu liefern versprach. In der Werbekampagne finden sich sowohl Begriffe aus anderen Sprachen und sprachgemischte Wörter als auch Einflüsse aus deutschen Varietäten. Wenn die Texte laut gelesen werden, klingen sie zudem so, als fände hier eine für ausländische Mitbürger häufig typische Aussprache bzw. Sprachmischung statt. Das folgende Plakat ist ein Beispiel, das hier neben zwei weiteren aus derselben Kampagne als Material für eine Sprachmittlungsaufgabe vorgeschlagen wird (hoja de trabajo 2, 🔎 Hilfen in Kasten 1).
Ayuda para los carteles de hoja de trabajo 2

Ayuda para los carteles de hoja de trabajo 2
El cartel «Penne»
  • Mezcla de lenguas (doble sentido) en la palabra Penne – pennen, ortografía
  • Te ayudará también el analizar el nombre de la empresa: Liefer-ando; ¿a qué lengua alude?
El cartel «Farfalle»
  • Mezcla de lenguas (doble sentido) en la palabra Farfalle – verfallen, ortografía;
  • Te ayudará también el analizar el nombre de la empresa: Liefer-ando; ¿a qué lengua alude?
El cartel «Wasabi»
  • Wasabi – was hab ich; ¿qué lengua pretende ser?
  • Efecto del nombre «Uschi» en este contexto?
  • Te ayudará también el analizar el nombre de la empresa: Liefer-ando; ¿a qué lengua alude?
Normgerechte Sprache vs. Sprachspiel
Es ist gut vorstellbar, dass ein spanischer Gast, der Deutsch – d.h. das korrekte normgerechte Deutsch der Lehrwerke – gelernt hat, auf das abgebildete Plakat stößt. Da es sich um einen diskontinuierlichen Text handelt, wird seine Wahrnehmung an einem Punkt beginnen, der ihm am meisten ins Auge springt. Das könnte das Kunstwort – der Kunstname – „Lieferando sein. Denn vielleicht versteht der spanische Leser das Wort „liefern und erkennt die Silbe„-ando als Bestandteil seiner Muttersprache, im Deutschen hat er nie davon gehört. Was hat das also zu bedeuten? Auch „Isch ist nicht ohne weiteres als „ich für den Spanier erkennbar. Und was meint das Wort „Penne, noch dazu groß geschrieben? Ein Blick auf den Teller könnte etwas Aufschluss geben, wenn der spanischsprachige Rezipient gern italienische Nudeln isst. Aber ansonsten bleibt ihm der Text verschlossen – trotz seiner Kürze und des Bildes. Und wird er den kleingedruckten Text unter der Großüberschrift, den er vielleicht versteht, mit dieser in Zusammenhang bringen können?
Genau dieses komplexe Zusammenspiel von Bild und Text und das raffinierte Spiel mit verschiedenen Sprachen und Registern macht die Attraktivität einer solchen Werbekampagne für eine schriftliche Sprachmittlungsaufgabe aus, bei der der Sprachmittler genügend Zeit hat, den auch für ihn komplexen muttersprachlichen Ausgangstext zu verstehen und die Produktionsmechanismen, die ihm zugrunde liegen, gegebenenfalls mit Hilfe von Recherchen zu entschlüsseln. Auch das laute Vorlesen als Erschließungsstrategie kann hier hilfreich sein.
Aufgabenszenario
Auf hoja de trabajo 2 finden Sie deswegen ein Aufgabenszenario für eine schriftliche Sprachmittlung zu drei Plakaten der ausgewählten Kampagne, das neben einer Kontextualisierung auch Hinweise auf nützliche Strategien und weiterführende Aufgaben zur vertiefenden Reflexion anbietet.
Der deutsche Sprachmittler kann zur Lösung dieser Aufgabe seinem spanischen Partner Folgendes erläutern:
  • Es handelt sich um Umgangssprache: „Isch heißt „ich;
  • „pennen heißt umgangssprachlich schlafen und beinhaltet hier zudem eine Anspielung auf Sexualverkehr;
  • Es handelt sich um ein Wortspiel das sieht man daran, dass „Penne wie ein deutsches Substantiv groß geschrieben ist; es ist der italienische Name einer Nudelsorte, während „penne in der Bedeutung von „schlafen eigentlich kleinzuschreiben wäre. „penne müsste eigentlich auch „pennen heißen; es handelt sich hier um dialektalen Gebrauch, in Süddeutschland (Bayern, Baden-Württemberg) wird bei Verben im Infinitiv gern das „n am Ende weggelassen.
  • Es besteht ein Bezug zur Abbildung der dort abgebildeten Nudeln, die angeboten werden.
  • Damit wird der Untertitel klar: Der Käufer soll den Teller Nudeln im Bett liegend verspeisen, um den Genuss zu erhöhen – eventuell mit einer Freundin; die Zweideutigkeit ist gewollt. Aber auch: Honit soit qui mal y pense! (Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt!)
  • „Lieferando“ – die Firma benutzt bewusst einen Firmennamen, der sich aus einem Bestandteil der deutschen Sprache und einem weiteren Bestandteil aus dem Spanischen zusammensetzt. Damit soll evtl. die Internationalität der Fa. hervorgehoben oder einfach nur durch einen Werbegag Aufmerksamkeit erzeugt werden.
Im Sinne des interkulturellen Lernens bietet sich im Anschluss an diese Erläuterungen vertiefend eine Reflexion über das Phänomen der Sprachmischung allgemein und im Besonderen in kommerziellen Werbekontexten an (vgl. hoja de trabajo 2: Para profundizar/Reflexión intercultural): Wieso greift die Werbung auf dieses Phänomen zurück? Welche Wirkungen werden damit erzielt? Welche Rückschlüsse können daraus auf Kultur- und Sprachkontaktphänomene in der deutschen Gegenwartsgesellschaft gezogen werden?
Die vorangegangenen Überlegungen machen deutlich, dass die Mediation sprachgemischter und diskontinuierlicher Werbetexte für den Spanisch lernenden Schüler eine anspruchsvolle und komplexe Aufgabe ist. Zugleich ist sie gerade deswegen besonders attraktiv, denn sie bietet einen motivierenden Anlass zum Nachdenken über Sprachkontaktsituationen und zum Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften. 🔎
Verortung im Unterricht
Die vorgeschlagenen Beispiele können trotzdem bereits ab Ende des zweiten Lernjahres (A1 – A2) – Jahrgangsstufe 9/10 eingesetzt werden. Die zu erwartenden Lösungen können sich dann auf die Hauptbotschaft der Werbung und die generelle Beobachtung beschränken, dass Elemente und Einflüsse aus anderen Sprachen bzw. Varietäten darin vorkommen, ohne in eine vertiefende Sprach- und Gesellschaftsanalyse zu gehen. Eine solche ist jedoch bei fortgeschrittenen Lernenden (B1 – B2) mit mehrjährigem Spanischstudium und/oder Leistungskursniveau in der Qualifikationsphase möglich.
Anmerkungen
1 Nachzulesen in Canicio, Víctor (1972): ¡Contamos contigo! (Krónikas de la emigración. Barcelona: Editorial Laia, 85 – 86.
2 Quelle: http://jamillan.com/v_reciber.htm, Stand: 28.02.17.
„Pferde stärken“ vs. „Pferdestärken“. Für Nicht-Muttersprachler erschließt sich dieses Wortspiel trotz ähnlicher Metaphern (caballo de vapor, horse power, cheval-vapeur, cavallo vapore …) vielleicht nicht auf den ersten Blick. Die Werbung bietet sich daher für eine Sprachmittlung an.
Foto: Sixt
Die Mediation von Werbetexten mit Wortspielen oder Sprachmischungen regt zum Nachdenken über Sprachkontaktsituationen und über das Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften an und ist daher besonders attraktiv für den Spanischunterricht.
Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress